Beyond Tellerrand 2014

Dienstag 9 Uhr Vormittag, Berlin Friedrichstraße, Admiralspalast “Studio”. Im Vorraum Gedränge und Gesprächsfetzen, Sponsoren- und Informationsstände, einige Thermoskannen mit Kaffe. Unter dem Arm ein Beutel SWAG, um mich herum Gleichgesinnte, Grafiker, Entwickler, Interessierte.

Kurz darauf öffnen sich die Türen des Saals, angenehme Beleuchtung, Musik, erste Reihe, Spannung. Es ist soweit, die erste Beyond Tellerrand in Berlin.

Digital Artist Seb Lee-Delisle eröffnete seinen Talk mit dem C64 Program „10 PRINT CHR$(205.5+RND(1)); : GOTO 10“ mit verblüffendem Ergebnis. Anschließend stellte er seine jüngsten Projekte vor. Darunter PixelPyros digital fireworks ein ca. 20m breites, interaktives Display mit Laserprojektionen,
“Lunar Trails“ was passiert, wenn man das Spiel Lunar Lander mit einem Plotter koppelt, und „Laser Light Synths“ mit denen wirklich jeder die richtigen Töne treffen kann.
Das Schlagwort des Vortrags war “LAZERS” und allen Anwesenden wurde schnell klar wir brauchen mehr davon denn: “LAZERS are AWESOME”!

Download “10 Print CHR$(205.5+RND(1));:GOTO 10;”

10 PRINT CHR$(205.5+RND(1));:GOTO 10

Im Talk “Putting the Fonts into Webfonts” berichtete Jonathan Hoefler sehr detailliert von der Geschichte der Typografie: Dass die Auswirkungen lokaler klimatischer Bedingungen wie Luftfeuchtigkeit und Temperatur auf das Druckbild der selben Schriftart durch angepasste Schriftarten für ein einheitliches Schriftbild sorgen können; und dass optimierte Schriften bei der Gestaltung von Zeitungen den Arbeitsprozess vereinfachen und zum Beispiel sehr komplexe Covergestaltung mit lokalisierten Anpassungen erst möglich machen.
Er zeigte, welche Defizite im digitalen Bereich bei der Darstellung von Schriften bestehen und wie Webfonts für bessere Ergebnisse sorgen können. Mit cloud.typography stellte er sein aktuelles Projekt zum Thema Webfonts vor und wie davon z.B. dänisch – deutsche Websites profitieren können.

Mit ihrem Vortrag zum Thema „CSS Lessons Learned the Hard Way” berichtete Zoe Mickley Gillenwater wie Fehler ihr geholfen haben eine bessere Entwicklerin zu werden. Anhand ihrer Erfahrungen mit CSS Flexbox Model und der Optimierung für Screenreader wurde klar wie wichtig es ist, die eingesetzten Komponenten zu verstehen (RTFM anyone? ) und im weiteren Schritt die gemachten Erfahrungen zu teilen.

Stacey Mulcahy führte mit ihrem Vortrag “Connected Spaces to Make Connected Experiences” den Hype des Web of Things ad absurdum. Sie zeigte dazu eine Reihe ihrer Arduino, Raspberry Pie Bastelprojekte z.B. But Bump Jeans – ausgestopfte Jeans die bei Berührung Musik und Partybeleuchtung auslösen, Plüschkatzen mit rot-glühenden Augen und Touch Steuerung, DIY Simon Says Spiel und „SkrillTrex“. Ihre Präsentation motivierte dazu, neues auszuprobieren, neugierig zu sein, kreativ zu werden und vor allem: Projekte abzuschließen.

Tim Kadlec veranschaulichte mit Elementen der Animationstechnik, dass erst die Gestaltung der Übergänge, des “Space Between“, zwischen einzelnen Extremen eine Animation zum Leben erweckt.
Auf die Welt des Web übertragen also die Gestaltung von Zustandsübergängen wie z.B. zwischen „Suche abschicken“, „Übergang“ und „Suchergebnisse anzeigen“. Ladeanimationen sind keine gute Lösung und gehören der Vergangenheit an.

Extremes: Beschreiben die Punkte der maximalen Auslenkung vor einer Richtungsänderung einer Bewegung. Möchte man zum Beispiel die Wurfbewegung beim Bowling animieren, wären jeweils die maximale hintere, vordere und tiefste Position der Hand Extremes.Inbetweens (The Space Between): Beschreiben den Zustandswechsel, das „Füllmaterial“ zwischen den Extremes.

Für die gefühlte Performance ist nicht die schnellste Ladezeit, sondern die optimale Nutzererfahrung entscheidend. Wie gut kommt der Nutzer von A nach B? Wie transparent sind Vorgänge, wie zum Beispiel Suchanfragen gestaltet? Sind die Wechsel von A nach B nachvollziehbar oder zu schnell?
Gut gestaltete Zustandswechsel involvieren den Nutzer, unterstützen die Orientierung und steigern die Wertschätzung des angebotenen Dienstes.

Im Vortrag “Counting stars: Creativity over predictability” von Andrew Clarke ging es um britische Werbung, um Dinge mit Character, Dinge mit Erinnerungswert und um die Feststellung, dass die zunehmende Standardisierung des Entwicklungsprozesses Design zum bloßen Ornament macht. Die Resultate sind letztlich seelenlos, massenkompatibel, austauschbar und ohne Erinnerungswert. Ideen müsse Raum gegeben werden um Neues zu schaffen. Leider gab es ein paar technische Schwierigkeiten und die gewählten Beispiele aus der britischen Werbung kannten nur wenige Zuhörer.

Lloyd: “The IBM 360 can count more stars in a day than we can in a lifetime.”
Don asks: “But what man laid on his back counting stars ever thought about a number?”
[Quote: Mad Men]

Der letzte Talk des ersten Tages trug den Titel “Design and Happiness”. Stefan Sagmeister sprach über die ausschlaggebenden Faktoren und was jeder Einzelne tun kann, um dies zu erreichen. Angereichert mit kurzen Videos und Bildern seiner Ausstellung “The happy show”. Zum Abschluss sang er mit dem ganzen Saal seine eigene umgetextete Version der “Ode an die Freude” “All my clients drive me crazy”.

Der 2. Veranstaltungstag wurde von Jon Hicks mit Einblicken in “The Icon Design Process” eröffnet. Über das Warum, die Ideenfindung (Icon, Metapher), Berücksichtigung regional unterschiedlicher Deutung, zu den eingesetzten Softwarewerkzeugen und der letztlich der Einbindung.

Grunticon Icons in Projekte integrieren

Real Time Communication im Browser mittels Open Source WebRTC war das Thema von Lisa Larson-Kelley. Sie stellte eine Reihe von freien Bibliotheken und die grundlegenden Konzepte vor. Trotz des möglichen Potentials von WebRTC sprang der Funke nicht über. Permanente Vernetzung, Chat und Videochatanwendungen gehören bereits zum Alltag lediglich eine neue technische Basis ist wohl für die wenigsten aufregend. Am beeindruckendsten war die Vorstellung des WebRTC basierten Projektes CNA – “Speaking Exchange” zum Ende des Talks. Die einfache und brillante Idee: brasilianische Jugendliche, die Englisch lernen möchten, mit englischsprachigen Bewohnern eines Altenheims, die einfach mit jemandem reden möchten, zusammenzubringen.

“Obihai Technology blog post. “With WebRTC, you no longer need to install a platform dependent soft-phone application, and then deal with a complex configuration in order to make a simple call.”
(Obihai Technology blog post)”WebRTC is a powerful open-source project that seamlessly enables real-time communication (RTC)” (source)

James Hall zeigte in “Security is Everyone’s Responsibility” wie einfach es ist, ein WLAN zu hacken und das bei unverschlüsselter Kommunikation innerhalb eines Netzwerkes wirklich jeder mithören und eingreifen kann. Als Demonstrationsobjekt stellte er in einer Webapplikation ein 3D Modell eines Telefons mit den aktuellen Browserinhalten und sichtbaren Passwörtern dar. Selbst die Lage das virtuellen Telefons wurde synchron mit der des angezapften Gerätes dargestellt da auch die Daten der Lagesensoren ausgewertet und auf das 3D Modell übertragen wurden.
Mit Hilfe einiger Zuschauer wurde dann die Funktionsweise von SSL und Man in the Middle Angriffen demonstriert. Fazit: in öffentlichen Netzen sollte auf ein VPN zurückgegriffen werden, Passwörter sollten möglich lang sein zum Beispiel ganze Sätze, bei der Serverkonfiguration kommt es auf Details wie HTTP Strict Transport Security, verbieten von Frames) an.

Brian Suda “Connecting the Digital To Analog” gab einen Exkurs in die Geschichte des Papiers und stellte die Vorteile von Papier im direkten Vergleich mit aktuellen mobilen Geräten heraus. Die Grundidee der cleveren Verknüpfung von Online Inhalten Offline.
Im privaten Rahmen z.B. als Reisevorbereitung mit allen wesentlichen Informationen auf einem speziell gefaltetem Papier oder gewerblichen Einsatz wie zum Beispiel in Form von auf dem Boarding Pass aufgedruckten Wetterdaten des Zielflughafens oder als Werbeprospekt eines Hotels mit zahlreichen Informationen zur Umgebung. Im weiteren Verlauf ging es um den Einsatz der bekannten Waffen (CSS / HTML etc) , um die Informationen entsprechend aufzubereiten und auf Papier bringen zu können.

Passend zu seinem Vorredner verkündete John Allsopp in einem großartigem Vortrag anschließend “The Web’s future is offline!”. Allerdings war es nicht seine Absicht, das Internet auszudrucken oder gar abzuschalten.
Vielmehr ist ihm aufgefallen, dass die Annahme, permanent immer und überall online zu sein, aus einer Zeit stammt, als es noch keine Smartphones und U-Bahntunnel gab und die Internetnutzung am Schreibtisch stattfand und sich daher auf Innenräume beschränkte.
Die Hoffnung, dass wir zukünftig überall Online sein werden, ist seiner Meinung nach eine kleine und daher sollten Anwendungen dies zukünftig berücksichtigen und Vorkehrungen treffen. Nebenbei lassen sich auf diesem Wege Performance und Nutzerwahrnehmung verbessern. Die aktuell verfügbaren Mittel Sessionstorage, Localstorage und Appcache zur Realiserung dieser Idee wurden vorgestellt und die Besonderheiten von AppCache “It’s a Douchebag”, sowie die Bedeutung des Wortes Douchebag genauer beleuchtet.

Die Beyond Tellerand 2014 in Berlin wurde in jedem Fall ihrem Namen gerecht. Die 13 Talks deckten ein breites Spektrum an Themen jenseits des Tellerrands ab und brachten eine gute Portion an frischem Wind.
Ganz besonders möchte ich die Vorträge von Seb Lee-Delisle, Tim Kadlec, James Hall, John Allsopp und vor allem Stefan Sagmeister hervorheben, die diese Veranstaltung für mich persönlich zu einem fantastischen Erlebnis gemacht haben. Für das nächste Jahr wünsche ich mir MORE LAZERS 😉


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