Die Zukunft des Frontends: Was erwartet uns 2018?

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Seit 1999 entwickelt das Team von Sevenval „Frontends“, also den Teil von (Web-)Anwendungen, der für die Nutzer sichtbar ist. Vor 18 Jahren sah das Web dabei völlig anders aus als heute, und die Entwicklung geht in rasantem Tempo weiter. Kurz vor Jahresende blickt Roland Gülle, Softwareentwickler und Technologiechef von Sevenval, zurück auf die Geschichte des Frontends – und fragt sich: Wie sieht die Zukunft aus, stirbt das Frontend?

Digitale Anwendungen wie Websites oder Apps lassen sich zumeist in verschiedene Schichten“ unterteilen. Für die Kommunikation mit dem menschlichen Nutzer ist die Schicht „Frontend“ zuständig, die Datenverarbeitung im Hintergrund geschieht in Abgrenzung dazu im „Backend“ und ist für den Nutzer unsichtbar. Während im Backend zumeist langfristige Stabilität gefragt ist, sollte ein Frontend schnell an neue Bedürfnisse der Nutzer angepasst werden. Die Entwicklungsgeschichte des Frontends ist deshalb sehr vielfältig und hat neben einer jahrzehntelangen Evolution auch ein paar Revolutionen vorzuweisen.

Von Löchern zu Tasten

Ein Frontend aus der Frühzeit des Computers ist die so genannte „Lochkarte“. Schon im 19. Jahrhunderts waren Lochkarten zur Steuerung von Maschinen verbreitet und sie gehörten später zu den ersten Schnittstellen zwischen Computern und ihren menschlichen Nutzern. Sie enthalten Informationen in codierter Form, nicht in Klartext. Eine Standard-Lochkarte hat übrigens eine Zeilenlänge von 80 Zeichen – das kennen wir heute noch bei E-Mails oder Text-Dokumenten.

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Die Arbeit mit Lochkarten ist allerdings aufwendig, weshalb die Hersteller schon bald auf benutzerfreundlichere Systeme mit Röhrenmonitoren und Tastaturen setzten. Die ersten digitalen Frontends wurden geschaffen: Textbasierte Benutzeroberflächen eroberten die noch junge „Computerwelt“ in den 1960er Jahren. Eine kleine Revolution, die bis heute das vorherrschende Setup bestimmt: Ein Computer, ein Monitor, eine Tastatur.

Das Frontend demokratisiert die Technologie

Die nächste Revolution kam 1984: Die Maus. Mit der Vorstellung des Apple Macintosh wurde die Computer-Maus zum zentralen Eingabegerät für nahezu alle Nutzer und bei der Bedienung digitaler Frontends rückte endlich die Benutzerfreundlichkeit in den Vordergrund. Zu dieser Zeit beginnt der Siegeszug des „persönlichen Computers“, wie die korrekte Übersetzung von „Personal Computer“ lautet. Dank dieser Entwicklung sind Fachkenntnisse heute nicht mehr nötig, um einen Computer zu bedienen, das benutzerfreundliche Frontend hatte der Digital-Technologie endgültig zum Durchbruch verholfen.

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Heute nutzt fast jeder Mensch interaktive grafische Frontends – auf dem Smartphone, dem PC, im Cockpit des Autos, an der Büro-Kaffeemaschine. Apropos Smartphone: In seiner heutigen Form mit einem Touchscreen als zentralem Frontendelement gibt es das erst seit 2007. Die Vorstellung des ersten iPhones vor zehn Jahren markiert eine Revolution für die Frontend-Technologie; zuvor konkurrierten mehrere Smartphone-Konzepte, damalige Technologieträger waren zum Beispiel der Nokia Communicator und natürlich Blackberry. Diese Ansätze für Smartphones mit Tastatur scheiterten aber, da die Bedienung per Display für die meisten Nutzer deutlich bequemer ist. Seitdem sind Touchscreens nicht mehr wegzudenken. Erstmals eroberten sie in großem Maßstab die Haushalte (und Hosentaschen), sie gelten als ein Meilenstein bei der „Demokratisierung“ von Technologie und für die Verbreitung von Internetdiensten.

Auffällig ist zudem: Der Touchscreen ist zugleich Eingabe- und Ausgabegerät. Das stellt ganz neue Anforderungen an das Design grafischer Benutzeroberflächen und treibt die Entwicklung weiter voran.

Was ist die nächste Revolution?

Doch scheint es vorschnell, sich auf die GUI (Graphical User Interface) als endgültigen Standard der Frontend-Welt festzulegen. Denn die Protagonisten der nächsten Revolution versuchen gerade, Monitor, Tastatur, Maus und Touchscreen – teilweise – obsolet zu machen. Gab es früher einen “UX-Designer” für die gesamte “User Experience” eines digitalen Frontends, differenziert sich das heute weiter aus. So entfernen sich manche UX-Designer vom Visuellen und spezialisieren sich etwa auf Sprachanwendungen. Aus der Science Fiction ist das Konzept schon lange bekannt: Warum nicht einfach mit dem Computer sprechen, in natürlicher Sprache, wie in Star Trek?

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Mit Amazon Alexa, Apple Siri, Google Assistant und Microsoft Cortana stehen gleich vier „Sprachassistenten“ zur Auswahl. Diese neue Klasse von Frontends bietet auch einen ganz neuen Zugang zu digitalen Angeboten. Für viele Anbieter von Web-Services wirft das auch ganz neue Fragen auf: Braucht ein Carsharing-Betreiber einen Alexa Skill oder die Integration in Googles Assistenten? Was ist der Anwendungsfall für eine Versicherung? Und für den Hersteller von smarten Wohnzimmerlampen?

Klar ist: Die engen Grenzen des Displays werden zunehmend gesprengt. Nicht nur durch Sprachsteuerung, auch durch Konzepte wie Virtual Reality oder die Überlagerung der „echten“ Welt mit digitalen Inhalten dank Augmented Reality-Brillen. Die Trennung zwischen Eingabe und Ausgabe, Mensch und Medium, virtueller und realer Welt verschwimmt zunehmend. Durch die Anpassung der Technologie an die Nutzer wird der Mensch selbst zunehmend zum „Frontend“.

Das Gehirn als Interface

Die „User Experience“ wird unmittelbar und umfasst alle Sinne. Werden deshalb klassische Frontends wie die GUI überflüssig werden? Das ist gar nicht mal so unwahrscheinlich, denn letztlich sind alle bisherigen Frontends Versuche, die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine zu vereinfachen. Was ist, wenn unsere Gehirne direkt mit dem Computer kommunizieren, wenn sie zum Interface werden, in einem globalen Internet of Things?

Klassische User Interfaces wird es noch lange geben, aber sie werden künftig nicht mehr rein visuell funktionieren und ausschließlich über Touchscreens oder mit der Maus bedient werden. Schon heute haben Sprachassistenten den Weg  in mobile und stationäre Geräte gefunden – der nächste Schritt könnte die Integration von Augmented Reality Elementen sein, wie Microsoft es als ‘Mixed Reality’ heute bereits vorführt.

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Google-Mitgründer Larry Page ist nicht einfach irgendein Tech-Visionär. Er bestimmt ganz maßgeblich mit, wie die Menschheit in Zukunft mit Technologie interagieren wird. Bereits 2004 ging er einen großen Schritt weiter und beschrieb die Zukunft einer Online-Suche mit Google so: „Eventually you’ll have the implant where if you think about a fact, it will just tell you the answer.“ In diesem Szenario fällt die aktive Interaktion mit einem Frontend vollständig weg, auch gesprochene Sprache oder AR-Elemente spielen keine Rolle mehr.

Diese Entwicklung ist mehr “Science” als “Fiction”. Es gibt bereits heute Gehirn-Implantate, die Menschen unterstützen können. Und „smarte“ Geräte und Anwendungen reduzieren zugleich die Anzahl unserer Interaktionen mit dem Frontend immer weiter. Schon heute ordert manche Industrie-Maschine selbständig Ersatzteile, auch wenn der selbsteinkaufende Kühlschrank (zum Glück?) eine Vision geblieben ist. Vielleicht bucht Siri uns irgendwann die dringend nötige Erholungsreise, wenn „sie“ merkt, dass wir zu viel arbeiten?

Natürlich verlaufen diese Entwicklungen nicht linear. So wie man auf der Straße einen Tesla neben einem Käfer sehen kann, so existieren heute Anwendungen in Virtual Reality (VR) neben textbasierten Oberflächen und klobige PCs neben Smart Watches. Welche Konzepte sich durchsetzen werden, entscheiden letzten Endes die Nutzer, nicht die Anbieter. Manche Technologie wird in der Nische bleiben (VR?), während andere zum Standard erhoben werden (Augmented Reality und Spracheingabe?).

Die Ausnahme ist der neue Normalfall

Für technologieaffine Nutzer brechen spannende Zeiten an. Die großen Softwarehersteller betreiben viel Forschung und probieren neue Ideen direkt am Markt aus. In den letzten fünf Jahren konnte man smarte Brillen wie Google Glass aufsteigen und verschwinden sehen, viel Spaß mit den Bugs der ersten Sprachassistenten haben und endlich einmal richtig in die virtuelle Realität eines Computerspieles abtauchen. Was wird davon in fünf Jahren noch übrig sein?

Die Anbieter probieren auch deshalb so viel aus, weil im entstehenden Internet of Things fast alles zum Frontend werden kann. Die Zahl die Unbekannten steigt: War das Problem der korrekten Darstellung einer Website auf unterschiedlichen Geräten gestern noch relativ einfach lösbar, ist es heute bereits extrem kompliziert – und wir wissen nicht, ob es Websites in ihrer heutigen Form morgen überhaupt noch geben wird.

Was wir hingegen wissen, ist, dass die Bedeutung des Frontends – wie auch immer es aussehen wird – im kundenzentrischen Zeitalter weiter steigt:

Der König heißt Kontext

Die Zukunft des Frontends ist alles andere als klar. Frontend-Design wird zum fortwährenden Experiment mit den Kunden als Versuchsleitern. Unternehmen müssen lernen, Gleichungen mit etlichen Unbekannten zu lösen: Monitor oder Lautsprecher? Welche Sprache, Gesten, Mimik, Implantate? Vor uns liegt tatsächlich ein „Neuland“ – und wir alle sind die Pioniere in einer digitalen Welt, die nicht kartografiert ist. Um unseren Trek zum Erfolg zu machen brauchen wir Mut: Zum Lernen und zum Fehler machen.

Lange Zeit galt eine Metapher als relativ passgenau: Das Frontend ist der Verkaufsraum, das Backend ist das Warenlager. Inwieweit wird das künftig noch passend sein?

Mindestens in Form eines digitalen Schaufensters wird es klassische Frontends noch lange geben. Doch darüber hinaus werden immer mehr Zugänge zum Warenlager geschaffen, das Backend wird zum neuen Frontend – je nach Kontext.

Das Frontend ist immer da, wo der Kunde ist. Durch die neuen Technologien sind Kunden nahezu überall. Das Frontend ist nicht tot, vielmehr wagen wir diese Prognose:

Alles wird zum Frontend.

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Roland Gülle ist als CTO der 1999 gegründeten Sevenval Technologies GmbH verantwortlich für Forschung und Entwicklung. Mit rund 170 Mitarbeitern in Köln und Berlin hat sich Sevenval auf Frontend-Lösungen spezialisiert, die eine moderne, schnelle und vor allem sichere User Experience auch auf Basis historisch gewachsener IT-Systemlandschaften ermöglichen. Der dreifache Vater Roland Gülle (*1976) ist seit 2001 bei Sevenval. Davor war er mehrere Jahre als Software-Entwickler für verschiedene Unternehmen tätig. Roland entwickelt auch heute noch selbst, spricht regelmäßig auf Entwickler-Konferenzen und twittert als @rolandguelle über Technologie und Nerdiges aus dem Web.

 

 

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